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Der Wissenschaftsbeweis der Antisemiten *

Quelle: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus 1901, II. Jahrgang, Nr. 40

* Wir geben diesem von uns befreundeter Steite zugegangenen Artikel gern Raum, ohne uns mit der darin vertretenen Auffassung über die Stellung des Prof. Paulsen zum Antisemitismus zu identifizieren, und behalten uns vor, auf die Frage zurückzukommen. (Die Redaktion)

Wir verstehen es, wenn die Antisemiten versuchen, ihr Programm auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Sahen wir doch in diesen Tagen die Sozialdemokratie am Werke, ihre von Bernstein wissenschaftlich gefährdete Parteidoktrin vor der Unterhöhlung zu retten. Das ist sicher ein lobenswertes Streben, wenn nicht Päpstlichkeit dabei im Schwange ist, wie in Lübeck, oder aber der Beweis sich auf Trugschlüssen und geschickt versteckter Wahrheit aufbaut, wie in der « Staatsbürger-Zeitung » (22.9.), wo Professor Paulsen zum Kronzeugen des Antisemitismus angerufen wird.

Der besagte Artikel stützt sich auf Paulsens « System der Ethik », ein vielgelesenes und älteres Werk, das schon 1896 in 4. Auflage vorlag. Wer je mit objektivem Verständnis Paulsensche Werke, sei es das angezogene « System der Ethik », die « Geschichte des gelehrten Unterrichts », seine « Philosophia militans » oder gar seine « Einleitung in die Philosophie » studiert hat, der kann Paulsen unmöglich eine Tendenz wie die ihm von antisemitischer Seite unterschobene zutrauen. Davor bewahrt den genannten Gelehrten der feine historische Sinn, der alle seine Arbeiten durchzieht. Alles, was Paulsen in seinem « System der Ethik » über Nationalität und Religion der Juden sagt, ist diesem geschichtlichen Verständnis erwachsen, und so darf er wohl mit Recht sagen: « Das Bewußtsein, das auserwählte Volk Gottes zu sein, durchdringt Religion und Nationalität ». Selbstverständlich ist das eine geschichtliche Rekonstruktion des Judentums aus seiner grauen Vergangenheit. Wenn der Artikelschreiber der « Staatsbürger-Zeitung » objektiv sehen gelernt hätte, dann müßte ihm das schon der Begriff der jüdischen « Nationalität » angedeutet haben. Doch hätte ein solches Eingeständnis die ganze Tendenz des antisemitischen Artikels niedergerissen. In demselben Augenblick, wo die Juden die « Bodenständigkeit » ihrer alten Heimat verloren, war ihr starrer Nationalismus bis ins Herz getroffen, und getreu allen menschlichen Entwicklungs- und Anpassungsgesetzen hat der Prozeß neuer « Bodenständigkeit » bei ihnen eingesetzt.

Daß wir es hier nur mit einem geschichtlich möglichen und sogar notwendigen Ereignis zu tun haben, sollte unseren Antisemiten die Historie beweisen. Die Slawen des östlichen Deutschlands sind dort « bodenständig » geworden, wo einst Germanen saßen, und mitten in slawischen Ländern erhalten sich germanische Sprachinseln (die Sachsen Siebenbürgens). All die Wanderungen der Vorzeit sind ein Zerreißen des alten Heimatbandes und ein neuer Kontrakt mit der Natur. Ein Teil der Geschichte ist, möchte man sagen, wechselnde Bodenständigkeit, manchmal mißlungen, in vielen Fällen auch geglückt. Die Mischung, wie sie uns zwischen Slawen und Germanen vorliegt, wird ungefähr dem ethnologischen Zustand entsprechen, in dem sich das Judentum inmitten europäischer oder anderer Kulturstaaten befindet. Wäre der Prozeß der Assimilierung nicht künstlich aufgehalten worden, so dürfte jedenfalls der Jude unter uns nicht an einer größeren Exklusivität leiden als etwa die Slawen in germanischen Ländern. Dem Verfasser des genannten antisemitischen Artikels ist hoffentlich die deutsche Jugendgesetzgebung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts soviel bekannt, um uns recht zu geben. Selbst das Jahrhundert der « Aufklärung » und « Humanität » hat diesbezügliche Paragraphen ersonnen, die an Zustände der Sklaverei erinnern. Darüber gibt jedes Polizeirecht des achtzehnten Jahrhunderts Auskunft. Sicher haben diese Dinge den Juden eine gewisse « Beweglichkeit und Internationalität » gegeben, von der Paulsen redet. Sind denn aber diese Eigenschaften so durchaus undeutsch, « unteutsch » würden unsere Antisemiten sagen? Haben nicht Hunderttausende von Deutschen die heimische Erde verlassen, um an der anderen Seite des Ozeans das Glück zu versuchen? Und gerade unter diesen Ausgewanderten sind beträchtliche Prozente Oberdeutscher, also unverfälschter Germanen. Wenn diese Hunderttausende ein nationales Glaubensbekenntnis ablegen sollten, so würde oder müßte es, nach ihren Taten zu urteilen, lauten: « Ubi bene, ibi patria », « Wo es mir wohl geht, da ist mein Vaterland ». Und stimmen gerade nicht « nationale » Blätter, zu denen sich die « Staatsbürger-Zeitung » gewiß doch auch zählt, das Klagelied an, daß viele von den im Auslande lebenden Deutschen so bald ihr Deutschtum verleugnen? ja, dieses nationale Untertauchen soll sogar zu den Kennzeichen des deutschen « Michels » gehören. Also hüben und drüben « Beweglichkeit und Internationalität », nicht nur als Spezifikum des Judentums.

Das Verknüpftfühlen « auf Leben und Tod » mit dem Volke, dem man angehört, beruht nicht auf der Rasse, sondern auf der moralischen Tüchtigkeit des Einzelnen. Die « Staatsbürger-Zeitung » tut so, als ob das « Stehen und Fallen » mit dem eigenen Volke stets unter Deutschen zu finden gewesen wäre, anders hätte doch der Gegensatz zum Judentum keinen Sinn. Dem scheinbar historisch ungeschulten Schreiber der « Staatsbürger-Zeitung » ist wohl unbekannt, daß sieben preußische Minister mit klangvollen Adelsnamen Napoleon ihre Dienste anboten, daß 1808 nicht weniger als sieben höhere Offiziere wegen Feigheit vor dem Feind von den Kriegsgerichten zum Tode verurteilt wurden. Namen wie von Lindener, von Ingersleben, von Poser, von Hacke, von Romberg dürften keine jüdischen sein. Dein Verfasser ist auch wohl unbekannt, daß sich nach dem Rückzuge von Jena und Auerstädt wieder befreite Preußen, die mindestens zur Hälfte doch « bodenständig » waren, weigerten, das Gewehr zu nehmen. Um Napoleon 1. scharwenzelten deutsche Fürsten, und seinen Fürstentag verherrlichten dieselben. In den « Vertrauten Briefen », den « Feuerbränden », der « Gallerie preußischer Charaktere » aus den Tagen nach 1806/07 war neben mancher Schmähung viel wahrer Kern. Betrafen die Anklagen etwa Juden? Steins zornigster Brief galt einem deutschen Reichsfürsten, dem von Nassau-Usingen. Zu der Tiefe des Steinschen Bekenntnisses: « Ich habe nur ein Vaterland, das ist Deutschland », kann sich nur ein moralischer Pflichtbegriff durchringen, wie ihn Stein kannte. Die sittliche Verantwortlichkeit in erster Linie entscheidet über das Mitgehen « auf Leben und Tod ». Und dies Moment fehlte auch den Rassedeutschen, als Napoleon das Vaterland niedertrat. Da half keine « Bodenständigkeit ».

Nun meint die « Staatsbürger-Zeitung », der diesen Pakt auf Leben und Tod niemals eingehen « ohne die Aufgebung des altnationalen Religions-Zeremoniells ». Das Zeremoniell scheint also dem Schreiber des Artikels wesentlich zu sein. Was sagt er zu den Sekten, die sich abseits von Landeskirchen bilden? Was schließlich zu der evangelischen Landeskirche, die sich nicht zuletzt durch ihr Zeremoniell vom Mutterschoß der römisch-katholischen Kirche loslöste. Das Zeremoniell kann also wirklich nicht ausschlaggebend sein: nein, es ist die Religion an sich.

Paulsen soll nun einmal der wissenschaftliche Ehrenretter der Antisemiten sein. Da ist es jedenfalls auch für sie nicht ohne Belang, wenn der verdienstvolle Gelehrte in seiner « Einleitung in die Philosophie », 4. Auflage, S.294, von der jüdischen Religion sagt, daß « die besondere Begabung des israelitischen Volkes in dem Ernst und der Tiefe » liege, womit es die moralischen und religiösen Dinge erfaßt. « Ernst und Tiefe » lassen einen Stein, Blücher, Fichte, Scharnhorst u. a. handeln, als es auf Leben und Tod geht. Mangelnder « Ernst » erzeugte die elende Verräterei jener Tage trotz des rassereinen Deutschtums und der Angehörigkeit zum Staate, den noch vor kurzem ein Friedrich der Große glorreich regiert hatte. Was das Judentum an « Ernst und Tiefe » hat, ist wirklich nicht so spezifisch jüdisch eingeengt, wie uns die Antisemiten gern glauben machen wollen.

Die jüdische Religion hat all die Momente, die assimilationsfähig machen, die speziell dem Christentum die Hand reichen: das sind die Momente der Denaturierung und Denationalisierung. Paulsen, der klassische Beweis der « Staatsbürger-Zeitung », sagt dazu auf S. 295 seiner « Einleitung in die Philosophie »: « Als Momente in dieser Entwicklung » (der Gottes- und Weltvorstellung der Juden) treten hervor zuerst die Zentralisierung des Kults durch das Königtum und Priestertum, sodann die Moralisierung, Denaturierung und endlich Denationalisierung des Gottesbegriffs durch das Prophetentum.» Die « Staatsbürger-Zeitung » weiß aber, für welche Kreise sie schreibt, sonst könnte sie nicht ein so unwissenschaftliches Gaukelspiel treiben wie in ihrem Leitartikel in der Nummer vom 22. September. Ihr macht es eben nichts, daß sich Paulsen selber gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwahrt. Sie sieht auch nicht, daß der Ethiker Paulsen allgemein das Entartete geißelt, selbstverständlich auch im Judentum. Wissenschaft hin! Wissenschaft her! heißt es bei dem Artikelschreiber der « Staatsbürger-Zeitung ».

Rudolf Steiner

 

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