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Das geistige Erbe und die Gegenwartsforderungen

06/1920 - Rudolf Steiner

[833/01] Vor einem halben Jahrhundert ungefähr blühte in Europa der Materialismus als Weltanschauung. Der Mensch sollte bis in die Tiefen seines Seelenwesens hinein nach denselben Gesetzen erkannt werden, die man sich für das natürliche Geschehen zurechtgelegt hatte. Man berief sich dabei wohl auch auf Ideen wie die Goethesche: « Nach ewigen, ehernen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreise vollenden.» Nur bemerkte man nicht, wie diejenigen Gesetze, die Goethe dem naturwissenschaftlichen Erkennen zugrunde gelegt wissen wollte, ihn in den heftigsten Kampf brachten mit der zu seiner Zeit herrschenden Naturwissenschaft. Er strebte nach einer Naturwissenschaft, die, konsequent ausgestaltet, zum Begreifen des Menschenwesens als eines geistig-seelischen führen kann. Aber nicht diese seine naturwissenschaftliche Vorstellungsart hatten die Materialisten im Auge, sondern in allem wesentlichen die seiner Gegner. Es war die geistlose Anschauung von der Natur, die niemals zu einem Erfassen der Menschenwesenheit führen kann.
[833/02] Aus dieser geistlosen Anschauung heraus sprachen sich einige konsequente Persönlichkeiten auch über das Moralische des Menschen aus. Man konnte vor einem halben Jahrhundert in dieser Richtung ganz merkwürdige Urteile hören. In dem Briefwechsel einer solchen konsequent denkenden Persönlichkeit mit einem materialistischen Gelehrten findet sich zum Beispiel die Ansicht, daß der verbrecherisch handelnde Mensch genau so nach den ihm eingeborenen Naturgesetzen verfahre wie der sogenannte moralische. Und daß, wer zum Lügner, Mörder und so weiter naturgesetzlich veranlagt sei, nur dann ein in sich abgeschlossener, vollendeter Charakter werden könne, wenn er seine lügnerische, mörderische Anlage auslebe. Dergleichen Gedanken waren in jener Zeit der materialistischen Theorien durchaus nicht vereinzelt.
[833/03] Diese moralisch-sozialen Konsequenzen der materialistischen Denkungsart wurden von vielen nicht mit dem nötigen Ernste betrachtet. Man sah sie als Schrullen an. Sie sind es nicht. Sie sind vielmehr ein Beweis für die Tatsache, daß die naturwissenschaftliche Vorstellungsart, die sich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts herangebildet hat, keine moralisch-sozialen Ideen hervorbringen kann. Es entstand deshalb unter dem Einfluß dieser Vorstellungen das Zeitalter, das völlig inhaltlose moralisch-soziale Phrasen an die Stelle der ethisch-sozialen Ideen setzte. Mit diesen moralisch-sozialen Phrasen lebte die zivilisierte Menschheit in das zwanzigste Jahrhundert herein.
[833/04] Über diesen Tatbestand versucht eine gewisse Wissenschaftsrichtung sich selbst und ihre Anhänger hinwegzutäuschen. Von dieser Seite her kann man hören: Der Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts ist wissenschaftlich tot. Er ist aber nicht tot. Der Unterschied zwischen denjenigen, die heute so reden, und den Materialisten des neunzehnten Jahrhunderts besteht lediglich darin, daß die letzteren den vollen Mut hatten, sich zu ihrem Materialismus zu bekennen; die heutigen aber, die ihn abweisen, denken geradeso wie diese; nur bilden sie sich ein, ihre geistlosen Naturerklärungen seien kein Materialismus. An die Stelle der gefährlichen Konsequenz ist die viel gefährlichere inkonsequente Halbheit getreten.
[833/05] Im Zeichen dieser Halbheit steht unser öffentliches Leben. Es leben in den Gedanken, die man für fähig hält, eine Weltanschauung zu begründen, keine moralisch-sozialen Antriebe. Man hat versucht, aus der Naturwissenschaft heraus sich ein soziales Weltbild zurechtzuzimmern. Man konnte dies so lange, als gewohnheitsmäßig die Menschen in Gemäßheit der alten sozial-ethischen Traditionen lebten und ihre Gedanken keinen Einfluß auf die Entfaltung des öffentlichen Lebens hatten.
[833/06] Mit dieser Sachlage hat schon die Kriegskatastrophe aufgeräumt; es räumt mit ihr mit jedem Monat mehr auf das, was seit dieser Katastrophe geschieht. Die Menschen, in denen die alten Traditionen abgestorben sind, gewinnen immer mehr an Einfluß. In ihnen leben allein die Ideen, die unfruchtbar für ein sozial-ethisches Weltbild sind.
[833/07] Jeder unbefangene Blick in das öffentliche Leben der gesamten zivilisierten Welt zeigt diesen Tatbestand. Er muß erst zum Bewußtsein einer genügend großen Anzahl von Menschen kommen, bevor eine Möglichkeit des Aufbaus der zerstörten gesellschaftlichen Verhältnisse eintreten kann. Von der Weltanschauung allein ist diese Besserung abhängig.
[833/08] Wer heute noch bei der Ansicht beharrt, Weltanschauung sei etwas, was die abstrakten Denker miteinander ausmachen mögen, sie habe in der Praxis nichts zu schaffen, der arbeitet mit an der Zerstörung, er mag noch so stark glauben, daß er für einen sozialen Neubau wirke. Es ist heute auch für die kleinste wirtschaftliche Einrichtung nötig, daß derjenige, der sich leitend an ihr beteiligt, sich Gedanken darüber machen könne, wie sich diese Einrichtung in den Gesamtprozeß der Menschheitsentwickelung hineinstelle. Solche Gedanken können niemals in ehrlicher, aufrichtiger Art bei dem sich einstellen, der mehr oder weniger bewußt sein Denken nach der materialistischen Richtung der neuen Zeit orientiert. Er bemerkt eben zumeist gar nicht, wie dieses materialistische Denken in die Antriebe seines sozialen Wirkens hineinarbeitet.
[833/09] Man kann nicht stark genug betonen, daß die Tatsachen des öffentlichen Lebens heute gerade in diesem Lichte gesehen werden müssen. Nur diejenigen, die sie so sehen, denken in der Richtung einer Gesundung. Ihnen muß es selbstverständlich erscheinen, keine Kompromisse mit dem einzugehen, das aus der materialistischen Vorstellungsart heraus in die Zerstörung des sozialen Lebens geführt hat. Es erscheint vielen schwer, so zu denken, weil sie vermeinen: Wenn man warten solle, bis die Besserung aus der Denkungsart komme, werde man lange warten müssen. Die so denken, denen muß gesagt werden: gerade ihr Denken gehört zu dem schlimmsten. Denn es kommt darauf an, daß wir uns durch ein solches fatalistisches Denken nicht selbst erst die Fesseln anlegen, die eben bewirken, daß wir « lange warten müssen ». Ein jeder, der sich sagt: Ich werde bis in meine Denkart hinein die soziale Umwandlung bewirken, verkürzt die Wartezeit, die ihn so bedenklich macht.
[833/10] Deshalb muß immer wieder betont werden: Auf jenen inneren Mut kommt es heute an, der sich dazu aufrafft, in dem Wege zu einem neuen Geiste eine wahre Lebenspraxis und in der Abirrung von diesem Wege die Ursachen unseres Niedergangs zu sehen. Die so urteilen können, sind allein die Zukunftsmenschen; die andern sind die Reaktionäre, und wenn sie sich auch noch so marxistisch-radikal gebärden. Aber das Urteil muß bereit sein, zur Tat, zur energischen Lebenspraxis zu werden. - Die « Praktiker » werden fragen: « Kann man denn mit solchen Ansichten nach Spa gehen?» O ja, man könnte gehen; man würde ruhig abwarten können, was geschehe, wenn man damit ginge; aber man wird ganz sicher mit unfruchtbaren Ergebnissen zurückkommen, wenn man mit den alten Gedanken dahin geht. Man sollte heute ein Urteil darüber haben, daß diese alten Gedanken in Spa zu nichts anderem führen werden, als wozu sie seit Jahrzehnten geführt haben.

Rudolf Steiner

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