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Kruzifix-Urteil - Zeitdokumente


Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil I

Das Klassenzimmer

Als sich der Blick zur Tafel wendet, eine monströse Jesusgestalt auf einem Kreuz. Wahrnehmung und Erkenntnis gehen blitzschnell ineinander über. Da war also des "Pudels Kern". Deswegen kam unsere Tochter jeden Tag so ernst nach Hause. Kein Wunder, wenn nur drei bis vier Meter von ihr entfernt, fast direkt in Kopfhöhe so ein großes Kreuz mit der Darstellung eines nackten toten Mannes hängt, den sie bis zum Schulbesuch nie so unmittelbar wahrnehmen mußte. Warum trägt er keine Kleider? Warum ist er festgenagelt? Warum muß ich jeden Tag in der Schule vor diesem Manne sitzen? Das gesenkte Haupt, der gebrochene Blick, der hoffnungslose Ausdruck. Das Kruzifix, fast so groß wie die Schulkinder.

In der religiösen Erziehung unserer Kinder vermieden wir diese bildnerische Darstellung bewußt. Es gibt einen Hinweis Rudolf Steiners, bis zur Geschlechtsreife solle auf keinen Fall das "Kruzifix" den Kindern gezeigt werden. Wir fanden die entsprechende Textstelle erst einige Jahre nach Beginn der Schulkreuzauseinandersetzung.

War erleichtert, die Ursache für das Verhalten der Tochter so rasch entdeckt zu haben. Dankte der Intuition, am ersten Elternabend die Lehrerin in Augenschein zu nehmen, welche von nun ab wesentliche Verantwortung für die weitere seelische Entwicklung unseres Kindes trug.

Nach Begrüßung durch die Klassenlehrerin ergab sich ein typischer Elternabend, wie er von der hierarchischen Struktur, in welche auch Lehrer eingebunden sind, gekennzeichnet wird. Anstatt des Atems der Freiheit, grinste die Lehre der Knechtschaft trotzig frech, das Einüben der Duckmäuser–schaft. Kurzum, die materialistische Denkweise kroch aus allen Ecken und Winkeln, hatte sich in dem Schulgebäude eingenistet, machte die Hoffnung zunichte, auf dem Lande sei der Materialismus vielleicht schwächer. Spürte dies mit allen Sinnen und ahnte doch, es waren tiefere Schicksalskräfte, die uns Eltern banden. Die Gesetze zwangen uns die Kinder dem staatlichen Schulsystem zu überantworten, ohne irgendwelche elterlichen Rechte, Art und Weise des Unterrichtes mitzugestalten.

Aber die Angelegenheit mit dem Kruzifix berührte ein elementares Grundrecht der Kinder und Eltern.

Sprach im Laufe des Abends die Lehrerin vor versammelter Elternschaft wegen des Kruzifixes an. Bat sie, das große Kruzifix gegen ein kleines Kreuz auszutauschen, dieses an der Seite des Klassenzimmers anzubringen. Die junge Lehrerin, welche sympathisch wirkte, gab sogar zu, ihr sei das Kreuz auch zu groß für die Kinder, sie wolle jedoch nichts unternehmen, verwies an den Ortspfarrer, der gleichzeitig den Religionsunterricht an der Schule gab. Um unserem Kind keine Außenseiterrolle ohne Not zukommen zu lassen, hatten wir es sogar für den katholischen Religionsunterricht angemeldet. Falls der Ortspfarrer einiges über den "Festgenagelten", was ist diese Figur denn anderes ohne religiösen Kontext, geäußert haben mochte, Sinn und Zweck solcher andauernden Konfrontation kann ein siebenjähriges Kind niemals mit seinem heranwachsenden Gemüt nachvollziehen oder gar verstehen.

Im weiteren Verlauf des Abends besuchte uns Eltern noch der Schulleiter. Es wurde speziell auf das Problem des Fernsehens und der Videos eingegangen. Einige Eltern ereiferten sich über die brutalen Videos, den Morden in den Fernsehsendungen. Uns war das alles zu jener Zeit unbekannt. Wir Eltern hatten in unserer Jugend ideelle Interessen, beschäftigten uns intensiv mit der Kunst, lebten immer ohne einem Fernsehgerät. Was sich also in der Film- und Fernsehwelt tummelte, sich austob, die Seelen der Zuschauer verfin–sterte, blieb uns fremd. Wußten nichts von brutalen Sexvideos, von filmisch dargestellter Leichenfledderei, von Ritualmorden. Wies im Verlaufe der vom Schulleiter vorgetragenen pädagogischen Hinweise Lehrer und Eltern auf einen objektiven Widerspruch hin.

Auf der einen Seite regten sie sich, berechtigt natürlich, wegen der Brutalität in den Medien auf, aber auf der anderen Seite hinge da eine riesengroße Leiche. Plastisch noch dazu, grausam hingerichtet, festgenagelt auf einem Kreuz, ein Mordopfer, fast nackt, einfach nur brutal für kleine Kinder.

Gäbe es einen pädagogischen Sinn für diese Konfrontation der Schulkinder mit der Darstellung eines Toten? Nur für den erwachsenen gläubigen Christen würde dieser "Leichnam" Sinn machen. Denn für ihn würde sich nach dem Dogma der Kirche der Erlöser der Welt zeigen. Dieser Glaubensakt könne jedoch von der Schule keinem Schulkind abgefordert werden. Sie, Eltern und Lehrer, würden tagtäglich den Kindern den Anblick eines Leichnams zumuten, ohne zu wissen, welche seelischen Folgen dies mit sich bringen würde. Es gelte also bereits in der Schule mit der Vermeidung einer "seelischen Brutalisierung" der Kinder zu beginnen.

Da schauten Schulleiter, die Anwesenden ob solcher Worte nur mit großen fragenden Augen... .

Ernst Seler


Inhaltverzeichnis der Zeitdokumente

Einleitende Worte zum Kruzifix-Urteil
Brief an das staatliche Schulamt (1987)
Brief an das bayerische Schulministerium (1988)
Brief an Bundesverfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach (2002)
Brief an EKD-Vorsitzenden Dr. Klaus Engelhardt (2004)

Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil I - Das Klassenzimmer (2002)
Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil II - Das psychiatrische Gefängnis (2004)