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Kruzifix-Urteil - Zeitdokumente

An den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland


Sehr geehrte Damen und Herren,

nach dem Lesen Ihrer Veröffentlichung:

"CHRISTENTUM UND POLITISCHE KULTUR
ÜBER DAS VERHÄLTNIS DES DEMOKRATISCHEN RECHTSSTAATES ZUM CHRISTENTUM
Hannover, im Oktober 1997 Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
http://www.ekd.de/EKD-Texte/christentum/vorwort.html

ergibt sich der Anschein, als habe das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung in der Kopftuchangelegenheit unter wesentlicher Bejahung dieses Textes verfasst.

Folge: die Bundesländer nehmen nun für sich in Anspruch, zu entscheiden, was an Schulen "Christlich" zu sein hat oder nicht. Wir sehen dies bei den Schulgesetzen in Sachsen, wo das Christentum zur Grundlage der schulischen Bildung gemacht wird.

Kann diese eindeutige Rückwärtsbewegung des Politischen helfen, die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu lösen?!

Die Bundesrepublik Deutschland wird letzten Endes zu einem religiösen Fleckenteppich, ähnlich den Zeiten, da Fürsten bestimmten, was die Untertanen zu glauben haben oder nicht.

Gilt das katholische Verständnis für das "Christentum", oder gilt das Verständnis Martin Luthers?

Wo bleiben die christlichen Auslegungen der Baptisten, der Zeugen Yehovas, der Mormonen, der Adventisten und der vielen anderen christlichen Bekenntnisse?

Darf der Staat als Gewalt bestimmen, wie "Christentum" zu verstehen ist, was der Bürger als religiöses Individuum zu glauben hat, als Staatsgrundlage?!

Es gibt viele christliche Gemeinschaften, die das Anbeten des Kreuzes oder gar des Kruzifixes mit aller Entschiedenheit ablehnen! Sie befolgen das Gebot des alten Testamentes, keine geschnitzten Bildwerke anzubeten. Niemals darf eine "christliche Mehrheit" bestimmen, was auf staatlichen Schulen als "Christentum" zu verstehen sei. Alleine dies zeigt, der Staat als Gewaltmacht, der den Eltern vorschreibt, ihre Kinder auf staatliche Schulen zu schicken, hat sich aller Religion zu enthalten, also faktisch neutral zu sein.

Nur die vollendete Laizität garantiert den religiösen Frieden im Lande.

Insofern hat auch die evangelische oder katholische Auffassung des Kreuzes oder Kruzifixes nichts an staatlichen Schulen zu suchen. Der Grabesritter Stoiber missbrauchte sein Amt als Ministerpräsident Bayerns, um mit den sog. KruzifixGesetzen die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes auszuhebeln. Ungestraft durften 1995 hohe Beamte und ehemalige Minister dazu aufrufen, Gerichte und Behörden sollen das sog. Kruzifix-Urteil missachten, nicht umsetzen.

Dieser geduldete Aufruf (es handelt sich um eine Straftat) beschädigt massiv die Grundfesten des Staates. Der andauernde Verfassungsbruch, da nach wie vor der Staat von sich aus keine religiösen Symbole in Schulen per Verordnung oder Gesetz anbringen darf, nichts anderes besagt der Kruzifixbeschluß von 1995, höhlt den Rechtsfrieden in der Bundesrepublik Deutschland aus und wird letzten Endes zum Untergang des Rechtsstaates führen.

Betrachtet man/frau die Ausgangsituation des Konfliktes, an dessen Ende das sog. Kruzifix-Urteil von 1995 steht, stellt der Bürger überrascht fest, da ist eine Familie, die möchte nicht ein großes Kruzifix unmittelbar vor dem Sitzplatz der Tochter, in ständiger Präsenz während des Unterrichtes.

Die angesprochene Lehrerin findet das Kruzifix auch zu groß, doch unternimmt sie nichts, verweist auf den katholischen Ortspfarrer, der gleichzeitig Religionsunterricht an der Schule erteilt. Die Eltern verlangen, das Kruzifix gegen ein kleines, helles Kreuz auszutauschen, welches an der Seite des Schulzimmers hängen könne. Auf wiederholtes Bitten des Priesters, doch einem kleinen hellen Kruzifix zuzustimmen, willigen die Eltern ein, weil sie die Gefühle der Bevölkerung achten. Die Familie war erst vor einiger Zeit vom evangelischen Nürnberg in die katholische Oberpfalz gezogen. Die Einwilligung in die Präsenz des kleinen Kruzifixes belegt die große sog. Toleranz und Kompromissbereitschaft der Eltern. Dieser Kompromiß funktionierte zwei Jahre lang.

Die Aufhebung dieses Kompromisses durch Einflussnahme der "Obrigkeit", der Versuch, das ursprüngliche große Kruzifix den Eltern und Kindern wieder aufzunötigen, ließ einen Streit entfachen, der zeigte, wie "christlich" Kirche und Behörden sich verhielten.

Die Behörden scheuten sogar nicht davor zurück, willige staatliche Psychiater einzuschalten, die ausdrücklich das "Denken um das Schulkreuz" mit Psychopharmaka ändern wollten.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes, Eltern haben es nicht hinzunehmen, ihr Kind muss angesichts eines Kreuzes lernen, ist von geschichtlicher Dimension. Erstmals schützte das Bundesverfassungsgericht die Rechte des Individuums gegen die jahrhundertlange Übermacht von Kirche und Staat.

Da laut amtlicher Aussage Jahre vor Beginn der gerichtlichen Auseinandersetzung in der Schulkreuzangelegenheit bereits höchste kirchliche Stellen eingeschaltet worden waren, ist auch von dort der Impuls gekommen, die Kompromisse vor Ort mit staatlicher Gewalt zu verhindern? Was gilt schon die Kompromissbereitschaft eines kleinen Ortspfarrers und einer Familie!

Gerade die Unsitte in Bayern, Kreuze und Kruzifixe im Sichtbereich der Tafel aufzuhängen, zeigt, wie gezielt die Indoktrinierung mit einem religiösen Symbol versucht wird. Zu beachten ist, ein Kruzifix ist ohne religiösem Kontext lediglich die Darstellung eines nackten toten Mannes. Ein Leichnam, ein Mordopfer - in unserem Falle über einen halben Meter groß - direkt vor dem Sitzplatz der Tochter in der ersten Reihe. - Die seelische Vergewaltigung von kleinen Schulkindern durch die ständige Konfrontation mit der Darstellung eines männlichen Mordopfers wurde bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht.

Die Diskussionen um das sog. Kopftuch-Urteil und das Kruzifix-Urteil sind wie ein Aufflammen der Fragen des Mittelalters, ein Ringen nach dem Geiste. Weder Christus, noch Mohammed werden als Gestalten der Vergangenheit, da bloß Worthülsen aus Büchern - oftmals nur verdreht - den Menschen hingeworfen werden, die Nöte der Gegenwart lösen. Klammheimlich verabschieden sich die deutschen Großkirchen vom Sozialstaat, machen sich zu Dienern des Sozialumbaus, damit die Reichen noch reicher werden. Erlebten wir das nicht schon bei den Kirchenfürsten des Mittelalters?!

Insofern steht "Religion" für sich, so wie wir Menschen dies seit Jahrtausenden erleben, auf dem Prüfstein der Geschichte. Rudolf Steiner - der Begründer der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) - beklagte einmal, soll es mit den Religionen so weitergehen, wie seit Tausenden von Jahren?!

Bleibt die Debatte um Kopftuch und Kruzifix in der verkopften Rechtssphäre der Landesparlamente stehen, wird es nur Zwist, Streit, am Ende vielleicht sogar Blut, Mord und Hass geben.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Kopftuch kann aber auch Anlaß sein, Bürger ergreifen die Chance und nehmen den Parlamenten, den Ministerien das Recht ab, ihre Kinder mit deren Vorstellungen unterrichten zu wollen. Die soziale Dreigliederung im Sinne Rudolf Steiners kann von den Menschen erarbeitet, durchgesetzt werden: Freiheit im Geistesleben.

Zu beachten ist, erst die Einschaltung höherer Dienststellen vereitelte die Fähigkeit von Bürgern, ihre Angelegenheiten vor Ort zu regeln, in der Schulkreuzangelegenheit und in der Kopftuchangelegenheit.

Die bewusste Auseinandersetzung mit den Fragen, die durch das sog. Kopftuch-Urteil und Kruzifix-Urteil auftauchen, kann den Keim bilden, religiöse Bevormundung durch Kirchen, Institutionen, Behörden, Ministerien und Ministerpräsidenten (die mit willigen Parteigängern ihre persönlichen religiösen Vorstellungen durchsetzen) abzuschütteln.

Das Ende der durch Männer dominierten Religion, kündet sich an. Priester, Mullahs, all die Kuttenträger, sind Gestalten der Vergangenheit, die zumeist um ihrer persönlichen Seligkeit Willen - und wie es die Geschichte zeigt oft auch wegen des persönlichen Profits, sich anmaßen, den Menschen als religiös unmündig zu behandeln.

Das sog. Kruzifix-Urteil ist die Bejahung des mündigen Bürgers, der sich der kirchlichen und staatlichen Bevormundung in Form eines religiösen Symbols entziehen will.

Weil so viele Politiker ihre Kinder auf Waldorfschulen schick-t-en, wie der ehemalige Bundeskanzler Herr Kohl, der Bundespräsident Herr Rau oder sogar die Tochter von Franz Joseph Strauß, die Ministerin Frau Hohlmeier, mögen Worte von Rudolf Steiner mahnend am Ende stehen:

"Entweder wird die heutige zivilisierte Menschheit sich dazu bequemen müssen, ein solches selbstständiges Geistesleben hinzunehmen, oder die gegenwärtige Zivilisation muß ihrem Untergang entgegengehen und aus asiatischen Kulturen muß sich etwas Zukünftiges für die Menschheit ergeben." (2. November 1919 - Biblgr. Nr. 191)

Ernst Seler

Reuting den 30.01.2004

Damit die Sache nicht zu bayerisch bierernst wird:

Just am 21. Januar dem Jahrestag meiner Gefangennahme, der Verschleppung des Vaters in die staatliche Psychiatrie wegen der Schulkreuzangelegenheit, erheiterte die "Kuckucksaffäre" die Republik. Es war ja noch zu Zeiten jenes Ministerpräsidenten, dass uns die Kinder mit Einwilligung von Höchster politischer Stelle wegen des Schulkreuzstreikes genommen werden sollten. Das war vor 15 Jahren.

Nur mit Hilfe einer teilweise noch freien Presse kam der Vater nach 12 Tagen ungespritzt frei, obwohl er auf Geheiß des Stationsarztes mindestens sechs Monate auf der geschlossenen Station bleiben sollte. Der Psychiater hatte den Mann noch nie gesehen und wollte gleich zur Begrüßung das "Denken" um das Schulkreuz mit einem Medikament ändern. Ja behauptete sogar wahrheitswidrig, er habe hierzu die schriftliche Erlaubnis eines Richters, die Medikamente gegen den Willen des Betroffenen zu verabreichen.

Lesen Sie nachfolgend einen Ausschnitt, wie die Angelegenheit sich weiter entwickelte.


Zeitdokumente

Einleitende Worte zum Kruzifix-Urteil
Brief an das staatliche Schulamt (1987)
Brief an das bayerische Schulministerium (1988)
Brief an Bundesverfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach (2002)
Brief an EKD-Vorsitzenden Dr. Klaus Engelhardt (2004)

Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil I - Das Klassenzimmer (2002)
Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil II - Das psychiatrische Gefängnis (2004)

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