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Kruzifix-Urteil - Zeitdokumente

An das Staatliche Schulamt


An das Staatl. Schulamt
20.07.1987
Betreff: Grundschule/F./ "Kruzifix

Sehr geehrte Damen und Herren!

Bitte teilen Sie uns mit, welche pädagogischen Gesichtspunkte die Schule, bzw. das Schulamt daran festhalten lassen, weshalb der Corpus des Christus auf dem Kreuz und warum er über der Tafel hängen soll.

Der Schulleiter von F., Herr X, hat abgelehnt, bei der Schuleinschreibung unseres zweiten Kindes, das Kreuz abzuhängen und es gegen ein kleineres, welches an der Seite hängen sollte, umzutauschen, so wie wir es mit Herrn Pfarrer Y für unser erstes Schulkind vereinbart hatten.

Leider erfuhren wir erst jetzt, daß bereits der Schulrat eingeschaltet war (schließlich mußte sich Herr Y /Pfarrer/ - zu Unrecht - eine Rüge vom Schulrat einholen!).

Wird bei der Aufhängung des Corpuskreuzes über der Tafel berücksichtigt, daß die Seele des Kindes während der Aufnahme des Unterrichtsstoffes ständig unbewußt das Kreuzigungsmotiv aufnimmt.

Können Sie uns die dadurch entstehenden Folgen für die seelisch-geistige Entwicklung des Kindes darlegen?

Es mag bisher aus der Tradition heraus einfach die Christusdarstellung von der Kirche in die Schule hineingetragen worden sein; solange die Schule die Wirkung des Kreuzes mit dem Corpus auf die Seele des Kindes nicht pädagogisch begründen kann, hat sie gegenwärtig kein Recht mehr, zu unterrichten.

Es darf nicht einfach aus jahrzehnter- oder jahrhunderterlanger Tradition etwas so Bedeutsames und gewichtig Wirksames, wie der ständige unfreiwillige Zwang auf das Kind, das nicht katholisch ist, weiterbestehen.

Um den Unterricht aufzunehmen, muß das Kind zur Tafel blicken und jedesmal fällt das Kreuz in den Blickwinkel des Kindes und prägt somit sein Unterbewußtsein.

Wir sind bemühende Christen aus der Erneuerung der Anthroposophie und können in einer allgemein öffentlichen Schule so etwas nicht dulden.

Durch die Geistesforschung Rudolf Steiners sind uns viele Hintergründe der Geschichte der Katholischen Kirche bewußt.

Das lebendige Christentum verlor sich um das 9. Jahrhundert. Bis dahin vernahm der Priester während seiner Kulthandlung die Hierarchischen Wesenheiten, die bei der Wandlung zugegen sind. Durch diesen Verlust der Lebendigkeit rückte mehr und mehr der Leidensweg des physischen Körpers der Christuswesenheit in den Vordergrund.

Durch die betonte Darstellung des Christus als körperlich Leidender tritt das eigentliche Geschehen in den Hintergrund, nämlich der Sieg der Auferstehung.

Rudolf Steiner berichtet, die Katholische Kirche hatte durch den Verlust der Lebendigkeit vermehrt an öffentlichen Plätzen und Wegen den Gekreuzigten dargestellt. Dadurch wurden die Seelenkräfte der Menschen gelähmt, weil sie in der Verehrung des Abbildes nur das Tote und Gelähmte des Christusses als Hülle in sich aufnahmen.

Christus der Auferstandene trat im Jahreslauf nur noch zu Ostern in Erscheinung.

Der heutige Zustand aller Kirchen zeigt ja, wie wenig ernst die wirkliche Suche nach dem Christus ist, sich alles in Tradition erschöpft und deswegen keine wirkungsvollen Antworten auf die Nöte unserer Zeit gegeben werden.

Diese Antworten finden wir z. Zeit alleine in der Anthroposophie.

Wir wissen auch durch diese Quelle, durch die Bemerkungen Rudolf Steiners, daß die öffentlichen Schulen die Seelenkräfte der Kinder lähmen werden und die Folgen dadurch katastrophale Ausmaße annehmen werden!!! >Waldorfpädagogik

(...)

So wie Galilei im Mittelalter das Weltbild veränderte, doch zuerst von der katholischen Kirche fast verbrannt wurde, so mag auch unser Verlangen den bisher gewohnten Weltzusammenhang sprengen und die Gemüter in Aufruhr versetzen.

Sollte es aber wirklich einen Paragraphen geben, der Platz, Größe und Ort, sowie das Vorhandensein eines Corpus vorschreibt, so verstößt dies gegen das Grundgesetz, denn das Kind kann sich nicht wehren und kann einen jahrelangen, ständigen Anblick des Kreuzes und des Corpus nicht aus seiner Seele tilgen.

Die Schule darf nicht religiös prägend sein, außer im Religionsunterricht.

Sollten zum Schulanfang die Kreuze mit Corpus in der Klasse hängen und nicht durch einfache, nicht zu große Holzkreuze, welche nicht im ständigen Blickwinkel des Kindes liegen, ausgetauscht sein, so sehen wir uns gezwungen, unsere Kinder nicht zur Schule zu schicken.

(...) Um eine baldige Antwort wird gebeten.

Ernst Seler
Renate Seler

(Dieses Schreiben wurde nicht beantwortet)


Inhaltverzeichnis

Einleitende Worte zum Kruzifix-Urteil
Brief an das staatliche Schulamt (1987)
Brief an das bayerische Schulministerium (1988)
Brief an Bundesverfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach (2002)
Brief an EKD-Vorsitzenden Dr. Klaus Engelhardt (2004)

Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil I - Das Klassenzimmer (2002)
Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil II - Das psychiatrische Gefängnis (2004)