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Kruzifix-Urteil - Zeitdokumente

An das bayerische Kulturministerium


An das Kultusministerium
Az.: III/8-8-/50938
25.07.1988

Sie schreiben:

"Das Kreuz ist ein Symbol christlichen Glaubens, nicht einer spezifischen Konfession."

Dies stimmt nicht. Es gibt christliche Konfessionen, die das Anbeten und das Anbringen von Kreuzen als götzendienerisch ablehnen.

Das Kreuz wird also nicht von allen christlichen Konfessionen mitgetragen (so wie Sie behaupten).

Zum Beispiel lehnen auch die Mormonen, die ebenfalls den Christus verehren und als kommenden Erlöser erwarten, das Kreuz als Symbol ab.

(...)

Es gilt, das Elternrecht in der religiösen Erziehung zu stärken und die von dem Staate, aus den Nachkriegswirren vielleicht verzeihliche Anmaßung einer religiösen Prägung zurückzuweisen. Ein Kind kann sich beim Anblick eines über halben Meter großen Leichnams nicht freuen. Wenn es ständig den Leichnam anschauen muß, wird ihm die Freude an den lebendigen Christus genommen.

Unser Grundrecht und Elternrecht auf religiöse Erziehung des Kindes wird somit vom Staate mißbraucht, indem er, der Staat, seine Vorstellungen einer religiösen Erziehung dem Kinde gegen den Willen der Eltern aufzwingt.

(...)

Wir Christen müssen Christus in uns lebendig machen und haben kein Recht, anderen Menschen unsere christlichen Ideale aufzuzwingen. Auch der Staat hat nicht das Recht dazu.

(...)

Wir betonen, wir waren sehr tolerant gegenüber unseren Mitmenschen, indem wir sogar ein Kreuz mit Korpus zwei Jahre lang in Klassenzimmern hängen ließen. Der Ortspfarrer hatte uns darum gebeten.

Indem aber Schulleiter und nun das Kultusministerium unsere pädagogischen Bedenken wegen des 80 cm großen Kreuzes und 60 cm großen Leichnams abschmetterten, sehen wir uns nicht in der Lage, weiterhin Toleranz zu üben und fordern unser Recht. Weil auch Sie als oberste (sich selbst angemaßte) pädagogische Entscheidungsbehörde ebenfalls unsere Bedenken verneinten, erblicken wir in dem Kreuzeskult der Schule eine Macht, welche geistig hinter Ihnen wirkend, unsere religiöse Freiheit und Bildung beschneiden will.

Wir sind dem Kampfe gut gerüstet und nur vordergründig geht es hier um Paragraphen.

(...)

Wenn der Staat uns das Kreuz als Erinnerungsmittel, wie Sie es nennen, uns Christen vorschreibt, so werden wir religiös entmündigt. So wie die Katholische Kirche immer noch glaubt und ein Gespräch mit dem Ortspfarrer zeigte dies, die alleinige wirkliche Kirche Christi zu sein, so spielt sich der Staat uns gegenüber als bestimmende Kirchengewalt auf.
Wir wollen kein Kreuz für unsere Kinder.

Ernst Seler
Renate Seler


Inhaltverzeichnis

Einleitende Worte zum Kruzifix-Urteil
Brief an das staatliche Schulamt (1987)
Brief an das bayerische Schulministerium (1988)
Brief an Bundesverfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach (2002)
Brief an EKD-Vorsitzenden Dr. Klaus Engelhardt (2004)

Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil I - Das Klassenzimmer (2002)
Buchauschnitt von Ernst Seler zum Kruzifix-Urteil II - Das psychiatrische Gefängnis (2004)